Viele Unternehmen halten sich aus politischen Fragen bewusst heraus - aus Sorge, Kund:innen oder Bewerber:innen zu verlieren, aus Unsicherheit, oder weil sie Politik und Wirtschaft voneinander trennen möchten. Das ist nachvollziehbar, aber greift unserer Meinung in der heutigen Zeit zu kurz.
Unternehmen schaffen Arbeitsplätze, gestalten Arbeitswelten, treffen wirtschaftliche Entscheidungen, beeinflussen Märkte und entwickeln Produkte und Dienstleistungen, die Auswirkungen auf das Leben vieler Menschen haben. Damit sind Unternehmen wichtige gesellschaftliche Akteure. Aber ihr Einfluss geht noch darüber hinaus, was die folgende Studie illustriert:
Das Edelman Trust Barometer 2025 kommt für Deutschland zu einem interessanten Ergebnis: Unternehmen werden von der Bevölkerung als die kompetenteste gesellschaftliche Institution wahrgenommen. Während Politik, Medien und selbst Nicht-Regierungsorganisationen bei der wahrgenommenen Kompetenz deutlich schlechter abschneiden, wird Wirtschaft als besonders handlungsfähig eingeschätzt. Gleichzeitig hat sich die Wahrnehmung der ethischen Integrität von Unternehmen seit 2020 sogar deutlich verbessert.
Das bedeutet nicht, dass Unternehmen automatisch alles richtig machen, aber es zeigt, dass viele Menschen ihnen zutrauen, Probleme zu lösen. Daraus entsteht Verantwortung: Wenn Unternehmen gesellschaftlichen Einfluss besitzen und ihnen gleichzeitig Kompetenz zugeschrieben wird, dann gestalten sie gesellschaftliche Entwicklung mit - die Frage ist lediglich, wie sie diese Verantwortung wahrnehmen.
Wir als Menschen in einem Sächsischen Unternehmen möchten gerne Teil gesellschaftlicher Lösungen sein, deshalb positionieren wir uns öffentlich - auch politisch. Wir sind Unterzeichnerin der Charta der Vielfalt, engagieren uns in Netzwerken wie dem Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft (BNW) und dem BAUM e. V., die die Interessen progressiver Wirtschaft vertreten. Wir sind im Vorstand der Lokalen Agenda vertreten und Mitglied im Ausländerrat Dresden. Wir beteiligen uns an Kampagnen für Demokratie, Weltoffenheit und Klimaschutz, suchen den Austausch mit Politik und Verwaltung zu Nachhaltigkeits- und Digitalisierungsthemen, unterstützen zivilgesellschaftliche Initiativen und gehen auf Demonstrationen für Klimaschutz und gegen Rechtsextremismus.
Dabei verstehen wir Haltung ausdrücklich nicht als Parteipolitik. Wir machen Wahlaufrufe - keine Parteiwerbung. Wir vertreten Positionen, die für uns nicht verhandelbar sind: Nachhaltigkeit, Weltoffenheit, Vielfalt, Gleichberechtigung, demokratische Kultur und eine Wirtschaft, die nicht auf Ausbeutung von Menschen oder Umwelt basiert.
Gleichzeitig bedeutet Haltung für uns nicht, dass alle Menschen im Unternehmen dieselben Meinungen haben müssen; im Gegenteil. Meinungsvielfalt gehört für uns zu einer gesunden Unternehmenskultur. Wir möchten ein Arbeitsumfeld sein, in dem Menschen sich sicher fühlen und unterschiedliche Perspektiven eingebracht werden können. Das erfordert Räume, Formate und Prozesse. Denn wer Vielfalt fördern möchte, darf nicht in einer Echokammer landen.
Deshalb sprechen wir bereits im Onboarding über Nachhaltigkeit, gesellschaftliche Verantwortung und unsere Ziele. Im wöchentlichen Forum diskutieren wir auch Themen wie Diversity, Verschwörungserzählungen, Medienkompetenz, Klimaschutz, Nachhaltigkeit oder digitale Politik. Bei Strategietagen, Retreats und Teambefragungen reflektieren wir regelmäßig, welche Werte uns wichtig sind und wie wir sie leben wollen. Und im Alltag können Themen jederzeit eingebracht werden, z.B. in unserer täglichen Morgenrunde.
Das alles ist nicht immer einfach, aber für uns lohnt es sich: Bewerber:innen und Kund:innen wissen früh, wofür wir stehen. Zusammenarbeit wird einfacher und Beziehungen werden beständiger, wenn sie auf gemeinsamer Werte-Basis stehen. Es entstehen Partnerschaften, die auf gegenseitigem Vertrauen und Anerkennung aufbauen.
Wir wünschen uns mehr Unternehmen, die ihren eigenen Weg in diesem Spannungsfeld finden. Nicht mit den gleichen Themen, nicht im gleichen Tempo und nicht mit den gleichen Antworten - aber mit dem Mut, sich die Fragen überhaupt zu stellen.
Gerade in der Sächsischen Wirtschaft erleben wir dabei oft Zurückhaltung. Wir wissen, dass viele Unternehmen ähnliche Werte teilen, sich aber nicht öffentlich äußern. Das können wir gut verstehen, sichtbare Positionierung ist keine einfache Entscheidung. Und trotzdem glauben wir: Es braucht Unternehmen, die sich trauen.