Wir investieren Millionen in Software - und lassen sie nach wenigen Jahren wieder verschwinden. Nicht, weil sie technisch überholt wäre, sondern weil sie nicht nachhaltig gedacht wird.
Zu Kurzgedachte Projekt- und Förderprinzipien
Software wird oft wie ein Projekt behandelt: Ein Problem wird identifiziert, ein System gebaut, ein Launch gefeiert. Was danach passiert, ist selten Teil der Planung. Gerade bei geförderten Projekten zeigt sich das besonders deutlich. Sie entstehen aus politischen Diskursen, die sich schnell verändern. Mit dem Ende einer Förderperiode endet oft auch die Perspektive für Betrieb und Weiterentwicklung. Funktionierende Software verschwindet dann nicht, weil sie schlecht ist, oder weil der gesellschaftliche Bedarf nicht mehr da ist, sondern weil niemand mehr verantwortlich ist.
Digitale Bauruinen sind unsichtbar
Ein Vergleich mit Bauprojekten macht das sichtbar. Ein Gebäude wird von Anfang an langfristig gedacht. Niemand würde ein Haus bauen, das nach wenigen Jahren sich selbst überlassen wird. Ein verfallendes Gebäude fällt auf, stört und erzeugt Handlungsdruck. Software dagegen verschwindet einfach. Sie wird abgeschaltet, nicht mehr gepflegt oder ersetzt. Der Verfall ist unsichtbar, der Ressourcenverlust ebenso.
Dabei ist längst bekannt, dass der Großteil der Kosten nicht in der Entwicklung entsteht. Schätzungen gehen davon aus, dass 70 bis 80 % der Gesamtkosten von Software nach der ersten Veröffentlichung für Wartung, Betrieb und Weiterentwicklung anfallen. Gleichzeitig zeigen Studien, dass viele Softwareprojekte nur eine begrenzte Lebensdauer haben. Ein erheblicher Teil wird nach kurzer Zeit nicht weitergeführt, obwohl er technisch weiterhin nutzbar wäre.
Verantwortung endet oft mit dem Projekt, nicht mit dem Produkt.
Die Ursachen sind strukturell. Förderlogiken finanzieren den Aufbau, nicht den Betrieb. Vendor Lock-in erschwert Weiterentwicklung oder Wechsel. Code wird nicht offen gelegt. Neue Projekte sind sichtbarer als die Pflege bestehender Systeme. Verantwortung endet oft mit dem Projekt, nicht mit dem Produkt.
Dabei ist schnelle Entwicklung nicht das Problem. Sie ist ein wichtiger Teil von Agilität. Was fehlt, ist die andere Seite: Anpassungsfähigkeit, Weiterentwicklung und Pflege. Software ist kein einmaliges Ergebnis, sondern ein man kann sie sich wie einen Garten vorstellen, der verwildert, wenn er nicht gepflegt wird. Sie kann und muss aktualisiert werden, auch aus Sicherheitsgründen. Aber vor allem kann sie sich mit veränderten Anforderungen weiterentwickeln, vor allem, wenn sie modular konzipiert ist. Genau darin liegt die Stärke digitaler Lösungen - die aber oft ungenutzt bleibt, wenn Digitalisierung nur kurzfristig gedacht wird.
Offenheit als Teil der Lösung
Hier bietet Open Source Mentalität einen Hebel. Ein Denken in Inselwissen, Nadelöhren und Besitz sorgt für Ressourcenverschwendung. Wenn Software offen entwickelt wird, können andere darauf aufbauen. Weiterentwicklungen müssen nicht mehrfach finanziert werden. Besonders bei öffentlich geförderten Projekten entsteht so die Chance, dass digitale Lösungen langfristig Mehrwert schaffen.
Digitale Projekte sollten deshalb nicht nur als Innovation verstanden werden, sondern als langfristige Verantwortung, auch für Betrieb, Pflege und Weiterentwicklung; und damit auch für den sinnvollen Einsatz der Ressourcen, die in sie investiert werden.

